Thomas Hürlimanns Geschichte "Fräulein Stark" mag in ihren autobiografischen Anspielungen umstritten sein. Unbestreitbar jedoch ist sie ein starkes Stück Literatur.
Peter Surber
24.07.01
"Nomina ante res" lautet der Leitspruch von Monsignore Jacobus Katz, praefectus librorum in der Stiftsbibliothek St. Gallen. Also: Im Anfang war das Wort, dann kam die Bibliothek, und erst an dritter und letzter Stelle kommen die Menschen und die Dinge. Monsignore demonstriert dies seinem Neffen und Ich-Erzähler so: Er lässt ihn ein jahrhundertealtes halb vermodertes Katalogkärtchen entziffern, auf dem das Wort "Schreibautomat" steht. Auch vieles andere, wie "Luftschiff" oder "Astronaut", habe zuerst als Wort existiert, erst später als Sache - und wenn all die Dinge dereinst längst wieder untergegangen sein werden, wird das Wort und sein Gedächtnis, die Bibliothek, noch immer existieren, "unzerstörbar bis zum Jüngsten Tag". Da schreibt einer noch einmal das alte Hohelied von der Sprache als Mutter aller Dinge. Und kriegt prompt eins auf die Nase von Lesern, die es umgekehrt mit dem Primat der "res" halten und mit der Sprache als sekundärem Abbild der Wirklichkeit. Die den "nomina", auch den literarisch gesetzten, ihr frivoles Eigenleben übel nehmen. Die Gründe dafür mögen ehrenwert sein und diskutabel. Hier soll nicht zur Frage stehen, ob Hürlimann "lügt" oder lebenden Personen zu nahe getreten ist. Nomina ante res: Hier soll es um den Text gehen, jene Wirklichkeit, die wir als Leser kennen.
Naseweis in den Pantoffeln
Es ist eine phantastische Wirklichkeit, im doppelten Wortsinn. Phantastisch schon der Grund-Einfall: Der jugendliche Ich-Erzähler verlebt einen Sommer, den letzten vor dem geplanten Eintritt in die Einsiedler Klosterschule, in der Bibliothek seines Onkels. Genauer vor der Bibliothek: Sein Amt besteht darin, den Besuchern - in der grossen Mehrzahl Besucherinnen - der weltberühmten Bibliothek mit ihrem weltberühmten Intarsienboden die je grössenrichtigen Filzfinken an die Füsse zu stecken. Als Pantoffelministrant gerät der Held in die sonderliche Welt der "Bücherarche". Sie steht unter der Ägide des Onkels, der glaubensfroh allmorgendlich in der Kathedrale das Wandlungswort jubelt, als überragender Kopf weltweit geehrt ist und ab und zu im nahen "Porter" biertief abstürzt. Die Hosen an hat aber dessen Haushälterin und heimliche Oberbibliothekarin, das titelgebende Fräulein Stark aus dem Appenzellischen. Ihnen zur Seite steht ein groteskes Hilfspersonal: Vize Storchenbein, die Katalogkärtchen tippenden Hilfsbibliothekare und die beiden "Türgreise", Türhüter und Garderobier, identisch in weissen Handschuhen, Uniform, Zirkusmütze und "uralter, längst erloschener Verzweiflung". Pikanterweise entdeckt der Ich-Erzähler in dieser Arche des Geistes nun aber nicht nur den Geist, sondern auch seinen Erzfeind: das Fleisch. In den Pantoffeln liegend, tun sich ihm nach und nach die körperlichen Reize der Besucherinnen auf - Fussschwünge und Strumpfformen erst, dann vom Knie an aufwärts unter den Rockglocken gelegentlich auch höhere Perspektiven. Und Gerüche - denn mehr und mehr übernimmt die Katz'sche Nase das Regime. Bref (um mit dem Onkel zu sprechen): Er versündigt sich gegen das Sechste, wird dabei von Fräulein Stark mehrfach ertappt und kämpft einen heroischen Kampf bald für, bald gegen die eigene Unkeuschheit und den Eigenwillen seines "Riechstengels".
Im Familiensumpf
So weit ist "Fräulein Stark" eine leichthändige Etüde über Adoleszenz und Katholizismus, eingebettet in ein surrealistisch schwebendes Ambiente und begleitet von ein paar barock fabulierenden Exkursen und Exkursionen. Eine davon führt ins Gebirge: Eines freien Montags nimmt die Stark den Katz-Neffen mit in ihre Alpsteinheimat und führt ihn hoch und höher, von Alp zu Alp und von "Säntisblick" zu "Säntisblick", wo stets derselbe Broger glotzäugig wirtet oder dumpf am Stammtisch sitzt: ein wenige Seiten starker, irrwitziger Canto aus den Bergen, schwarzgallig wie die Farbe des Likörs, den die Stark in jeder Alpenbeiz bechert. Hürlimann ist in solchen Passagen literarisch auf Säntishöhe (wenn auch nicht ganz originell: in seinem "Alpenhegel"-Dramolett gibt es die Szene ähnlich bereits). Katz also schnuppert einen Sommer lang den Duft des Weiblichen - und nimmt zugleich Witterung mit der eigenen Familiengeschichte auf. Das ist der zweite, tiefer schürfende Erzählstrang des Buches. Von den Hilfsbibliothekaren bereitwillig mit Katz-Dokumenten beliefert, erhellt sich dem Neffen nach und nach das wechselhafte Geschick seiner jüdischen Vorfahren, die es wie der späte Nachkomme stets mit dem Reiz der "Dessous" hatten. Stammvater Sender Katz kam aus Osteuropa nach Zürich und musste als Schneider unten durch. Dessen Frau verschlägt es nach Senders Tod mit sieben Kindern am Hals in die noch unmeliorierte Linthebene. Der Älteste, Joseph, bringt seine verbliebenen vier Geschwister (zwei entzieht ihm die Behörde, sie bleiben verschollen) durch, steigt zum Juristen und Ehegatten einer Zellweger'schen Textilbaronin auf, verarmt wieder und endet in St. Gallen als Bademeister auf den Drei Weieren, die er vorher entsumpft hat. Josephs Sohn Jacobus schliesslich, nachmaliger praefectus librorum, hat sich in jungen Jahren das katzische Erbe im Priesterseminar wegexorziert; seiner Schwester Theres, der Mutter des Erzählers, hängt der Familienfluch noch an, indem sie ein totes Kind nach dem andern gebiert. Katzen, heisst es in einer früheren Hürlimann-Geschichte, sind die Göttinnen der Melancholie. Sie kennen keine Erlösung und keine Schuld. Mit seiner katzisch-jüdischen Familiensaga stimmt Hürlimann in diese Thematik der Unerlösbarkeit ein - im Kontrast zur Erlösungsgewissheit des Katholizismus vielleicht die eigentliche Provokation dieses Textes. Meister der Melancholie Und Hürlimann bewährt sich einmal mehr als der grosse Melancholiker der Schweizer Literatur - dicht und atmosphärisch gelingen ihm Schilderungen wie jene der Linthebene im Nebel oder der Bücherarche zur Nachmittagsstunde, wenn sie in die Besucherflaute dümpelt und in Erstarrung versinkt. Oder, umwerfend: der Gang an Onkels Hand durch die staubrieselnden Bücher- und Katalogkatakomben unter der Bibliothek, von denen die Menschheit bisher nichts gewusst hat. Natürlich deshalb, weil es sie nicht wirklich gibt. Höchste Zeit also, sie zu erfinden, wird sich der gelehrige nepos praefecti, Thomas Hürlimann, gesagt haben. "Psychesiatreion" steht über der Bibliothekstüre geschrieben. Seelen-Apotheke heisse das, erklärt der Onkel, und es bedeute: "Wir führen alle Leiden und alle Mittelchen dagegen." Da wird sich auch für die Leiden des Autors an seiner unwirschen Verwandtschaft und die Leiden der Verwandtschaft am Buch des "pubertären" Neffen ein Mittelchen finden. Thomas Hürlimann: Fräulein Stark, Ammann Verlag, Zürich 2001, Fr. 36.- Hürlimann liest morgen Abend um 19.30 Uhr im Foyer des Theaters St. Gallen.
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