Die Zeit
Lob der Frechheit
Mit "Fräulein Stark" reist der Schweizer Schriftsteller Thomas
Hürlimann in seine eigene Vergangenheit
Von Evelyn Finger
Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde, und weil er die Finsternis mit einem
kategorischen "Es werde Licht!" verscheuchte, behauptete später
der Evangelist Johannes, im Anfang sei das Wort. Wer aber ein Machtwort spricht,
der darf sich über Widersetzlichkeit nicht wundern, darum kam es, kaum dass
auf Erden Ordnung herrschte, zum Sündenfall. Wie nun die Ordnung mit der
Ordnungswidrigkeit zusammenhängt, die Befolgung der Gebote mit deren Übertretung,
darüber ist viel philosophiert worden, selten allerdings so amüsant
wie im neuen Buch von Thomas Hürlimann. Erzählt wird das alte Lied vom
Erwachsenwerden: einen Feriensommer kurz, eine Familiensaga lang. Unser Held,
der Ich-Erzähler, absolviert einen besonders prekären Lebensabschnitt,
seine beginnende Pubertät. Schadenfroh bringt der Autor die festgefügte
Welt einer ehrwürdigen Stiftsbibliothek in Unordnung: Ein künftiger
Klosterschüler wird zum Voyeur. Die Bücherkirche zum Sündenbabel.
Das Unbekannte zur Verlockung. Passive Renitenz zur Querulanz, und am Ende ist
das Kind über sich hinausgewachsen.
"Am Anfang war das Wort, dann kam die Bibliothek und erst an dritter und
letzter Stelle kommen wir, wir Menschen und die Dinge", pflegte der Onkel
Stiftsbibliothekar zu verkünden. "Nomina ante res - die Wörter
zuerst!" Was so überzeugend klingt, möchte man gern glauben. Doch
weil der Neffe des Chefs, nepos praefecti, just im Reich der Geistigkeit seine
Sinnlichkeit entdeckt - weil er den Besucherinnen an der Pforte zum Büchermuseum
die Pantoffeln reichen muss und heimlich unter die Röcke späht -, fühlt
er bald den Zwiespalt zwischen Pflicht und Fantasie. Je mehr die Sinne sich schärfen,
die Gerüche sich verdichten, desto mutiger klettern die Blicke des Pantoffelministranten
die Waden der Damen hinauf. Im zur Erhabenheit erstarrten Tempel schöner
Worte jedoch kommt solche Aktivität einem Aufruhr gleich; darum dient es
nicht nur der Anschaulichkeit, wenn Thomas Hürlimann die Bücherei als
Arche dahersegeln lässt, sondern es gerät eine lahme Institution in
Bewegung und schließlich ins Wanken.
"Das Paradies habe ich mir immer wie eine Art Bibliothek vorgestellt",
schreibt Jorge Luis Borges in seiner Bibliothek von Babel. Bei Hürlimann
ist die Bibliothek das Paradies, aus dem das neugierige Kind immer wieder vertrieben
zu werden droht: durch des Onkels Haushälterin, einen herzensguten, prinzipientreuen
Hausdrachen. Welche Gefahr sie für den nepos darstellt, kann man daran ermessen,
dass die Novelle nach ihr benannt ist. Fräulein Stark lautet kurz und bündig
der Titel, und damit wären wir schon beim Skandal. Skandalös empfindet
man die Geschichte im schweizerischen St. Gallen, denn der dortigen weltberühmten
Stiftsbibliothek ist der Ort der Handlung nachempfunden.
Weil der Schüler Hürlimann seine Ferien mehrfach in der beschriebenen
Gegend verbrachte und weil der einstige Stiftsbibliothekar von St. Gallen tatsächlich
Hürlimanns Onkel mütterlicherseits ist, kann man leicht die reale Person
Dr. theol. Johannes Duft, mit der fiktiven Gestalt des Bibliothekars Jacobus Katz
in Verbindung bringen. Noch einfacher beim Fräulein Stark: Sowohl im Buch
als auch in Wirklichkeit, wenngleich unter verändertem Vornamen, versah das
Fräulein den Haushalt des Onkels. Letzterer hat pünktlich einen elfseitigen
Anti-Hürlimann herausgebracht - Bemerkungen und Berichtigungen zum Buch Fräulein
Stark von Thomas Hürlimann. Duft empört sich: Nachdem Thomas Hürlimann
bereits seinen Großvater, seinen Vater und seine Mutter "literarisch
hergenommen" habe, komme neuestens er, der Onkel, an die Reihe. Nun darf
man von Johannes Duft kaum verlangen, den rundbäuchigen Prälaten Katz,
dieses Kuriosum an Genusssucht und Faszinosum an Gelehrsamkeit, als Kompliment
zu nehmen. Ebenso wenig schmeichelt das Porträt eines stämmigen, frommen
Fräuleins, einer "schlichten Variante". Man selbst würde auch
ungern von Hürlimann porträtiert: zu fein gespitzt seine Feder. Nicht
ohne Grund verstopft sich mancher Eidgenosse seit den achtziger Jahren die Ohren,
sobald der unerbittliche Hürlimann wieder knarrend die Tür zur Vergangenheit
öffnet.
Kant in der Seelen-Apotheke
Johannes Duft hat nun klargestellt, niemals Soutanen getragen zu haben. Die Familie
Duft (nicht Katz!) habe die Bombardierung des reichsdeutschen Friedrichshafen
nie mit leiser Schadenfreude gesehen, die Stiftsbibliothek hatte nie unerforschte
unterirdische Gänge, und wiewohl man regelmäßig Schüler "mit
dem Dienst in den Pantoffeln" beschäftigte, "hatte keiner ausser
dem verklemmten Hürlimann" je "sexuelle Probleme mit dem Blick
unter die Weiberröcke". - Hier klafft offenbar eine beträchtliche
Diskrepanz zwischen Dichtung und Wahrheit: Was zu beweisen war.
Bleibt Fräulein Stark. War der Dichter bequem genug, seinem Faible für
sprechende Namen zu erliegen? Dem Gerede der Nachbarn wird das echte Fräulein
jedenfalls nicht entgehen. Welch ein Drama die bösen Zungen in der Heimat
anrichten können, die nun mal Dörfli bleibt, auch wenn sie sich noch
so pompös Stadt nennt, das hat Hürlimann in der frühen Erzählung
Die Pechbindung beschrieben. Moralische Entrüstung mag folglich angebracht
sein, sie besitzt in der Literaturtheorie allerdings genauso wenig Gewicht wie
der formaljuristische Einwand. Dogmatisch wirkt die vermeintlich literarische
Kritik besonders dann, wenn sie nicht zugleich das Genre des Schlüsselromans
in Zweifel zieht oder wenigstens diskutiert, was die Mimesis im engeren Sinne,
also die bloße Nachahmung, von der Nachschöpfung unterscheidet. Für
Letztere können fiktionalisierte Namen keine hinreichende Bedingung sein,
nicht einmal eine notwendige.
Man schlurfe deshalb zurück in den Barocksaal der prächtigen Stiftsbibliothek
und interpretiere versuchsweise das Fräulein Stark nach dem sensus duplex
der barocken Allegorese: als Kunstform, die das Geistige versinnlicht, und als
Denkform, die das Geistige im Sinnlichen enthüllt. Man staune außerdem,
was in Hürlimanns ausgefeilter poetischer Technik zusammentönt. Am Nachmittag,
"wenn jede Stunde zehnmal länger dauert", sinken die Köpfe
der Türhüter nach vorn. "Die glasigen Blicke, die aus allen Augen
heraushängen, wachsen in die Vitrinen hinein, in die Sonnenteiche, zur Decke
hinauf." Ganz anders am Morgen, wenn der Onkel schmettert: "Salve nepos,
carpe diem! Morgen Neffe, pack dir den Tag! Dann rannten wir (...) in die Kathedrale,
und stemmte er, während ich ministrierend die Schelle schüttelte, seinen
Kelch in die Höhe, warf sich sein Haupt derart halsbrecherisch in den Nacken,
daß man Morgen für Morgen befürchten mußte, er könnte
hintüber kippen und rückwärts vom Altar purzeln."
Hürlimann verbindet die stilistische Üppigkeit des Barock mit dem Gefühlspathos
der Romantik, die kühnen Perspektiv-wechsel der Moderne mit neusachlicher
Lakonie. Mal darf altmodische Zitatenseligkeit als Pointe glänzen, mal fällt
sie spöttischer Verfremdung anheim. Hürlimann hat die Kunst der Wiederholung
zur Meisterschaft gebracht. Worterfindungen, genüsslich ausgemalte Frivolitäten.
Ein Fundus für Freudianer: diese wachsenden Nasen, drallen Mütter, schwachen
Patriarchen, dies Hinaufträumen zu den Kuppeln, Hinabschmachten nach den
Schößen. Doch plaudert der Autor, der soeben mit dem hochdotierten
Joseph-Breitbach-Preis ausgezeichnet wurde, wirklich nur aus dem Nähkästchen
des Onanisten? Die Aufklärung des Neffen schließt seine Initiation
in den elitären Kreis der Geistesmenschen ein und knüpft vor allem an
Hürlimanns Aufklärungskritik an. In der Bibliothek, die eigentlich Seelen-Apotheke
heißt und buchstäblich alles führt, "jede Krankheit und jedes
Mittelchen dagegen, von Aristoteles bis Zyste", sind auch die logoi spermatikoi
verzeichnet, übersetzt vom Onkel: Vernunftspermien. Dort wandelt Kant, der
Erfinder des Strumpfgürtels. Sittlichkeit verlangt Pünktlichkeit, Menschwerdung
beruht auf Pflichterfüllung, und Aufklärung schließlich bedeutet
den Blick bloß nicht nach oben richten, sondern immer hübsch geradeaus
in der Ebene denken.
Aus seinen alten Motiven webt Hürlimann neue Muster: das Trauma der Klosterschule
und das große Verschweigen, das Leid der Ahnen und die Schweiz der Hitlerzeit,
dies verduckte, antisemitische, vorschriftenverbarrikadierte Neutralien. - Wo
ein Spross der Familie Katz so wenig hineinpasst wie alles Katzenhafte, will heißen
das Fremde, Melancholische, Irrationale. Wo das Lesen nur im Verborgenen eine
Lust sein darf und ansonsten etwas Heiligmäßiges bleibt. Am Ende der
Novelle entflieht der Studiosus dem Onkel. Man kann die Fortsetzung, den Eintritt
in die Klosterschule, in Hürlimanns Debütband Die Tessinerin nachlesen.
Vorerst, wenn der Neffe seine erste selbst gestohlene Zigarette anzündet,
endet die Novelle als ein Lob der Frechheit. Merke: Autoritäten sind zum
Nachahmen da, vor allem aber, um zur Rebellion anzustacheln. "Hob der Onkel
seine Augenbraue, stets die linke, versuchte auch ich, von den Wellen auf seiner
Denkerstirn beeindruckt, meine Braue, stets die linke, zucken zu lassen."
Nach dem Finis, hinten auf dem Umschlagfoto, sieht man Thomas Hürlimann,
wie er spöttisch eine Braue hebt. Allerdings: Es ist die rechte. Siehe: Hic
nepos praefecti librorum!
Thomas Hürlimann: : Fräulein Stark Novelle; Ammann Verlag, Zürich
2001; 192 S., 38,- DM
(c) DIE ZEIT 33/2001