4.3 Erzählperspektive


lat. perspicere = mit dem Blick durchdringen
Die EZ-Perspektive, die Thomas Hürlimann in der Novelle "Frl. Stark" gewählt hat, ist die eines Ich-Erzählers. Dieser Ich-Erzähler, der 13- jährige Neffe des Stiftsbibliothekars, schildert eine entscheidende Periode seines Lebens. Von der eigenen Familie abgeschoben, verbringt er die Zeit von Ende Juli bis zum 30. September 1964 in der Klosterbibliothek von St. Gallen. Am 1. Oktober wird er in die Klosterschule Einsiedeln einrücken.
Der Ich-Erzähler ist festgelegt auf seine eigenen Erlebnisse, Beobachtungen und Gedanken, das gesamte Geschehen und dessen Deutung sind durch ihn vermittelt. Dadurch ist es für den Leser einerseits leicht, sich mit dem Erzähler zu identifizieren, sich in dessen Gefühls- und Gedankenwelt hinein zu versetzen. Andererseits ist er auf die Interpretation des 13 - jährigen Erzählers angewiesen.
Diese verengte Sicht wird aufgebrochen dadurch, dass der Erzähler das Geschehen retrospektiv darstellt, d.h. er erzählt rückblickend von einem unbekannten Zeitpunkt aus über seine Vergangenheit. Das wird mehrfach deutlich in Vorausverweisen und Kommentaren, in denen vom Autor Hintergrundinformationen aufgeführt werden, da er weiß, wie die Geschichte ausgeht. Dadurch entsteht eine Erzählperspektive, die die Vorteile des Ich - Erzählers verbindet mit denen eines auktorialen Erzählers. Er kennt Vergangenheit und Zukunft, ist in diesem Punkt omnipotent, bleibt jedoch von den Gedanken und Gefühlen der anderen Personen, des Onkels oder des Fräuleins, ausgeschlossen. Hier bleibt der Erzähler auf seine Sicht der Dinge und deren Interpretation begrenzt, auch als erwachsener in der Retrospektive.
Eine Besonderheit ergibt sich bei dieser Novelle, da nach eigener Auskunft des Autors Erzähler und Autor identisch sind.
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